Wenn der Kronkorken noch auf dem Tisch klimpert.

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Auf eines, da konnte man sich bislang als Dynamo Fan verlassen. Egal ob Derby oder Wald- und Wiesen Truppe, wenn 14 Uhr das Spiel der Schwarz-Gelben angepfiffen wurde, dann war Krimizeit, bestenfalls in Verbindung mit einem Drama und folgendem Happy End.

Doch was war denn gestern los? Wer nicht zu den mitgereisten ca. 1.500 Dynamofans gehörte und es sich mit einer Tüte Chips und einer gut gekühlten Flasche Bier auf dem heimischen Sofa vor dem Fernseher bequem machte, der musste schon nach etwas mehr als drei Minuten die Augen reiben. Da klapperte in vielen Wohnzimmern noch der Kronkorken auf dem Couchtisch, da hatte Justin Eilers Dynamo schon in Führung geschossen. Und wie! Arjen Robben like. Dass Eilers großer Fan von Robben ist, war ja bekannt. Zuletzt ergatterte Ralf Minge für ihn das Trikot vom Bayern Star, weil es es selber zum Freundschaftsspiel nicht schaffte. Und nun zeigte er seinem großen Vorbild, dass er es ganz genau so kann. Anlauf, in die Mitte ziehen und einfach rein in den Kasten.

Ok, solch ein Schuss, der kann schon mal passieren. Kurz gejubelt, ein Schluck aus der Flasche und nun alles klar machen für den kommenden Krimi.

Aber was war das denn schon wieder? Manche Fans saßen ja noch nicht mal wieder im Sessel. Was machte denn der Stefaniak da? Vor Kurzem noch konnte man sich doch darauf verlassen, dass die Ecken und Freistöße nie da ankommen, wo sie sollen. Man meckerte kurz, trank ein Schluck und zitterte weiter. Doch seit dem Halle-Derby klebt dem Jungen ja Gold an den Füßen. In der 11. Minute fand seine Ecke genau den Hefele und der war mit dem Kopf zur Stelle. Na hatte man da Töne.

Ein Krimi würde das wohl nicht mehr werden, soviel war dann auch dem letzten Fan klar. Doch Fan sein ist manchmal schon hart. Denn vor lauter Freudentaumel war doch die erste Flasche längst alle und wer holte nun eine neue? Aufstehen und an den Kühlschrank gehen? Nein, auch wenn die Spannung längst etwas raus war, da gab es doch eine Chance nach der anderen für die Dresdner. Nur sieben Minuten nach dem zweiten Treffer stand der Eilers plötzlich allein vor dem Kasten und hat das Dritte auf dem Fuß. Aber gut, die Kölner waren ja auch noch da. Zumindest in der Situation in Form ihres starken Keepers Boss, der wirklich nichts für die zwei Gegentore konnte. Der Rest der Kölner war jedoch weitestgehend abgetaucht.

Wo waren denn diese befürchteten extrem kampfstarken Fortunen, auf die Trainer Uwe Neuhaus seine Jungs vor dem Spiel einschwor?

Ein genialer Schachzug des Trainers, der natürlich auch die Probleme in Mainz und Bremen gesehen hatte. Und klar bestand nach dem Derby gegen Chemnitz erneut die Gefahr in den Schlafwagen Modus zu verfallen. Doch dies ließ Neuhaus von Anfang an nicht geschehen, indem er die Kölner stärker redete, als sie sich zuletzt (Wehen Wiesbaden 0:3) tatsächlich zeigten.

Doch wenn das funktioniert, bitte weiter so Herr Neuhaus! Genau das ist eine Aufgabe des Coachs, die Jungs mental so vorzubereiten, als wenn wieder Robben & Co draußen auf dem Rasen warten.

Diese Kölner jedenfalls waren restlos überfordert. Ihr Trainer Uwe Koschinat sprach nach dem Spiel sogar von einer „Demonstration der Dresdner“. Und so kamen kurz vor der Pause die Schwarz-Gelben noch mal im Minutentakt gefährlich vor das Tor. Erst scheiterte Stefaniak am Keeper, dann Testroet. Mit nur 2:0 ging es in die Kabine.

Pause. Durchatmen, Bier holen. Rechtzeitig zurück sein. Als Fan hat man es nicht einfach. Und was, wenn man Letzteres verpasst? Ja, dann hatte man gestern das 3:0 nicht gesehen. Wieder waren die Kronkorken noch gar nicht von der Flasche, da hatte Testroet schon den Sack endgültig zu gemacht. Da war die zweite Halbzeit gerade einmal 90 Sekunden alt. Und erneut war es Stefaniak, der den Freistoß exakt hereinbrachte.

Weitere fünf Minuten später dürften aber alle auf Ihren Plätzen gewesen sein. Eilers lief schon wieder auf den Torwart zu, die Vorlage kam natürlich von Stefaniak, doch statt selber zu verwandeln, sah Eilers den mitlaufenden Aosman winken und legte quer. 4:0! Schluss, aus, feiern! Die drei Punkte konnte niemand mehr nehmen. Oder doch? Die Kölner hatten ein Mittel gefunden, wie sie zu einem Tor kommen könnten. Sie spielten Dynamo minutenlang schläfrig und schlugen dann eiskalt zu. Tatsächlich pennte so gut wie die gesamte Hintermannschaft der Schwarz-Gelben ein ganz klein wenig, sodass König frei durch war und Blaswich keine Chance lies.

Alles hinsetzen, jetzt geht der Krimi los. Noch letzte Saison wäre das Zittern wieder losgegangen, denn da reichte tatsächlich ein kleiner Rückschlag und so einigen flatterten die Nerven. Doch dazu bestand in diesem Spiel keine Sorge. Dynamo hatte drei Gänge zurück geschalten und legte nun wieder los. Souverän erspielte sie sich wieder eine ganz gute Möglichkeit nach der anderen. Auch der inzwischen für Testroet eingewechselte Finne Väyrynen wollte noch ein Törchen machen, doch dieses gelang nur einem: Justin Eilers. Er holte in der 69. Minute selber den Elfmeter und verwandelte ihn souverän zum 5:1 Endstand.

Damit führt nicht nur Dynamo die 3. Liga mit fünf Zählern an, sondern Eilers ist mit acht Toren heißer Kandidat auf die Torschützenkrone. Und das schon nach dem achten Spieltag.

Was für ein schöner Fußball Nachmittag! Ganz ohne Krimi, Drama und doch mit Happy End von der ersten Minute an. So schön kann dieses Spiel sein? Ja, kann es, aber die Dynamo Fans müssen sich daran natürlich erst wieder ganz langsam gewöhnen.

Und wer immer noch die Augen reibt, nein, die gute alte Zeit ist nicht zurück, das ist die neue Ära und die geht hoffentlich schnurstracks in Richtung 2. Bundesliga.

 

Foto: Imago

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